Seit mehr als sieben Jahren arbeite ich als Organisationsberater.
Im Folgenden versuche ich, eines von verschiedenen möglichen Resümees meiner
Tätigkeit zu ziehen. Ich habe seiner Zeit eine gesicherte Stellung verlassen
und mich aus freiem Willen in diese Welt wechselnder Beratungsprojekte begeben,
deren Bearbeitung für mich nach wie vor eine ehrenwerte Aufgabe ist.
Erst als ich mein Resümee abgeschlossen hatte, fiel mir auf, dass viele meiner
Erfahrungen in Richard Sennett´s "Der flexible Mensch" aufgegriffen und in
einen gesellschaftspolitisch Rahmen gestellt werden. Mit der Veröffentlichung
meiner Überlegungen verbinde ich den Wunsch, die Diskussion über die
politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Arbeit möge wieder einen
größeren Raum einnehmen.
Organisationsberatung und Personalentwicklung haben sich zu eigenständigen,
ernst zu nehmenden Professionen entwickelt, die insbesondere im Kontext von
Reorganisations- bzw. Verwaltungsmodernisierungsprozessen ihre Wirksamkeit
bewiesen haben.
Mit der Entwicklung des für die Personalentwicklung grundlegenden "Human
Resources Modell" waren auch Hoffnungen und Erwartungen auf mehr Emanzipation
in der Arbeit und selbstorganisierte, eigenverantwortliche
Arbeitsplatzgestaltung verknüpft. Im Mehr an Eigenverantwortung wurde auch ein
Mehr an Gestaltungsspielraum erwartet.
Dieses Modell, diese Hoffnungen können in weiten Teilen als gescheitert
angesehen werden.
Weder haben die inflationären Wellen neuer Managementansätze in diesem
Zusammenhang zu einer nennenswerten Selbstgestaltung der Arbeitsprozesse
geführt, noch haben diese Ansätze auch nur annähernd den erwarteten oder
zugeschriebenen Beitrag zur Sicherung, geschweige denn zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze geleistet.
Bewirkt haben diese Managementansätze eine effektive Verschleierung
neo-liberaler Grundorientierungen in der modernen Arbeitsgesellschaft. Diese
Ansätze haben dazu geführt, einen ganzen Berufsstand dadurch zu desavouieren,
dass er die Werkzeuge liefert für eine fortschreitende Individualisierung
ökonomischer Risiken und Instabilitäten ohne das die Betroffenen die geringste
Chance gehabt hätten, sich für oder gegen diese Risikoübernahme zu entscheiden.
Persönliche Risikobereitschaft ist zu einem ständigen "In-Gefahr-Sein"
geworden.
Reorganisations- und Verwaltungsmodernisierungsprojekte sind zum "Running-Gag"
unserer Zeit geworden. Mit mehr oder weniger sanftem Druck werden die
MitarbeiterInnen einer Organisation dazu geleitet, mehr und mehr Verantwortung
für Arbeits- und Dienstleistungsprozesse zu übernehmen; doch bei der nächsten
Schwankung des Aktienkurses, der nächsten Haushaltskrise (siehe Berliner
Bankenkrise à la Landowsky) werden neue "Reorganisationsbedarfe" entdeckt,
die professioneller Begleitung bedürfen.
In der Praxis ist dies oft einer von vielen Gründen, der zu der bekannten
zähen Entwicklungsphase bei Reorganisationsprojekten führt. "Aufgeben
liebgewordener Gewohnheiten" wird das häufig genannt. Wahrscheinlich trügt
die Betroffenen (in der Personalentwicklung sagt man ja "Beteiligten") ihre
Intuition nicht, wenn sie das Gefühl haben, in dieser Phase auch wertvolle
Bestandteile ihres Arbeitslebens einer ungewissen Zukunft zu opfern.
Die Beschäftigten in Unternehmen und Verwaltungen haben nicht ansatzweise
eine Chance, irgendeine dieser Einflussgrößen zu bewegen. Wenn wenigstens den
MitarbeiterInnen für ihr konzeptionelles, organisationsentwicklungsförderndes
Engagement die Beiträge für ein Rentenjahr zusätzlich in die Rentenkasse
gezahlt würden, dann hätten diese Menschen trotz anschließender
Arbeitslosigkeit etwas von ihrem Engagement. Dann bliebe etwas, hätte etwas
Bestand über das kurzfristige Tagesgeschehen hinaus.
In den ersten Jahren der Deutschen Einigung, in den Jahren der Treuhand waren
Reorganisation und Personalentwicklung für ostdeutsche Unternehmen aus meiner
Sicht unumgänglich gewesen, sollte die Mehrzahl der Unternehmen überhaupt eine
Chance in den neuen Marktprozessen haben - keineswegs gilt aber der
Umkehrschluss "mit Reorganisation hätten die Ostdeutschen Unternehmen eine
Chance im europäischen Markt gehabt". Mit nichten, denn ökonomisch waren sie
nach neo-liberalem Verständnis von Anfang an überflüssig.
Die Individualisierung dieser neo-liberalen Bedrohung ist dabei eine dreifache:
- Der einzelne Mitarbeiter trägt individuell das ökonomische Risiko der
erfolgreichen Reorganisation seines Unternehmens / seiner Verwaltung - denn
damit ist die Fortsetzung des Wettlaufs um die Arbeitsplätze in der nächsten
Runde direkt verknüpft.
- Jeder Standort, jede Fabrik, jede Verwaltung trägt einzeln das Risiko im Hase
und Igel Spiel der Ökonomisierung unseres Lebens erfolgreich zu sein und damit
den Standortwettbewerb weiter anzuheizen.
- Jeder Personalentwickler, jeder Organisationsberater trägt individuell die
Verantwortung dafür, Belegschaften, MitarbeiterInnen mit guten Absichten
diesem Risiko auszusetzen. Gleichzeitig bleibt auf dieser Ebene die Frage nach
Alternativen (einer anderen Option der MitarbeiterInnen) unbeantwortet.
Vorteile aus diesem Kreislaufmodell zieht das Kapital: Microsoft ließ mehrere Teams
parallel an der Entwicklung des neuen Internet Explorer arbeiten. Das Team, das als
erstes eine überzeugende Lösung fand wurde weiterbeschäftigt und mit Microsoft-Aktien
belohnt. Die anderen Teams wurden entlassen. Die politische Klasse profitiert, weil
sie sich um die Verantwortung für eine sozial gerechte Gestaltung dieser
Zusammenhänge herumdrücken kann - mit dem Verweiß auf die Handlungskompetenz vor Ort
in den Betrieben und Verwaltungen.
Diese Entwicklung führt zu einer Erosion von Loyalität und Verantwortung,
MitarbeiterInnen verfolgen ihre eigenen kurzfristigen Ziele und bilden Bindungen eher
schwach aus.
Die ohne Zweifel in modernen Arbeitskonzepten vorhandenen Chancen individueller
Teilhabe an den Erträgen unserer gesellschaftlichen Entwicklung, die produktiven
Potentiale einer weiteren individuellen Emanzipation werden sich ohne Ablösung des
neo-liberalen Paradigmas nicht weiter entfalten können - sie werden vielmehr in
einer neo-liberalen Umwelt immer Schwindelblüten bleiben. Denn der Neoliberalismus
erklärt alle Unternehmenskrisen zum Resultat unzulässiger Eingriffe, als Ergebnis des
Unvermögens, die »gute« Naturordnung des Marktes vorbehaltlos anzunehmen. Deshalb
wird konsequente Reorganisation gefordert, um den Marktprozess von hemmenden
Einflüssen der Träger des Human Kapitals, der Mitarbeiter zu befreien.
Die Begründung ist einfach: Nur "Marktpreise" sind "wahre" Träger
von Informationen über wirtschaftliche Tatbestände. Keine andere als die kurzfristige
ökonomische Rationalität ist zu lässig. Dann kann Personalentwicklung und
Organisationsberatung nur das "Zuckerl" sein, das es den Mitarbeitern
versüßt, die unangenehme Pille der Verantwortungsoktroyierung und Vereinzelung zu
schlucken.
Frank Becker ist seit 1993 freiberuflich als Berater, Projektmanger
und Trainer in den Bereichen Strategieentwicklung, Regionalentwicklung,
Qualifizierungsplanung, Konfliktmoderation, Organisationsberatung und
Personalentwicklung tätig.
Schwerpunkte bilden dabei die Bereiche Strategiebildung, Zielbildentwicklung
und konstruktiver Umgang mit Konflikten.
Methodisch basiert die Beratungsarbeit auf den Grundlagen systemischer
Beratung und Familientherapie.
Im Beratungsprozess werden die Werkzeuge vermittelt, um Problemlösungen
herauszuarbeiten und die anschließende Umsetzung zu realisieren. Nach
Abschluss des Beratungsprojektes arbeiten die Kunden selbständig mit den
angewandten und vermittelten Lösungswerkzeugen.
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Wir müssen zu einer Denk- und Handlungsweise finden, in der wir begreifen, dass wir
alle voneinander abhängig sind, dass wir uns in einer Situation wechselseitiger
Abhängigkeit befinden, und zwar auf jeder Position im Netzwerk. Es ist an der Zeit
eine Diskussion zu führen darüber was Unternehmen vor dem Hintergrund des - wie es
Sennett nennt - "flexiblen Kapitalismus" den Menschen schuldig ist, die
für dieses Unternehmen arbeiten. Welche Verpflichtungen ein solches Unternehmen als
Teil einer Gesellschaft gegenüber seinen Angestellten hat.
"All diese Erkenntnisse werden von der neoliberalen Globalisierungsökonomie ... verdrängt - ganz zu schweigen von den Erkenntnissen über die notwendige Revitalisierung regionaler Wirtschaftskreisläufe aus globalökologischen Gründen" [Scheer, "Brauchen wir eine neue Wirtschaft"]
Nachhaltigkeit, Vertrauen als Grundlage produktiver Tätigkeit in netzwerk- und teambasierten Strukturen verlangt nach Regeln und Grenzen ökonomischen Handelns. Welche Zusagen sind Unternehmer bereit einzuhalten, dafür, dass MitarbeiterInnen Verantwortung übernehmen.
Danach sollte insbesondere eine Politik fragen, die "Bündnisse für Arbeit" initiiert.