Vortrag, gehalten am
28.04.99 auf der Frühjahrstagung 1999 des Verbands für
interne Kommunikation ViKOM in Salzburg
Die Bedeutung von
Coaching für die Kommunikation in Veränderungsprozessen
Dr. Hermann Bayer
Prof. (UT)
Diplom-Volkswirt
Sozialwissenschaftler
Gliederung:
- Vorbemerkung
- Die Notwendigkeit
laufender Veränderungen
im Betrieb als Folge des Wandels
- Problemstellung:
einzelpersönliche Tendenzen,
Beziehungskonflikte und die Grenzen üblicher
Trainings und Weiterbildung
- Der Coaching-Ansatz:
Begriff, Verständnis,
Ziele und Nutzen im Betrieb
- Anforderungen an
einen innerbetrieblichen
"Führungs-Coach"
| Literatur:
|
Bayer,
H: Coaching-Kompetenz,
Ernst-Reinhardt, München-Basel 1995Loos, W.: Coaching für
Manager
moderne industrie, Landsberg/Lech 1993
Rückle, H.:
Coaching
Econ, Düsseldorf-Wien 1992
Wahren, H.-K.:
Coaching
RKW Eschborn 1997
|
0. Vorbemerkung
- Coaching - tatsächlich
etwas Neues oder "alter Wein in neuen Schläuchen"?
- Wir finden Skepsis,
wir finden Befürworter und wir finden
Begriffsverwirrungen und unterschiedliches Verständnis
- Was ist das Neue ?
Was ist das Zentrale am Coaching-Ansatz?
- Hier wollen wir
Klarheit schaffen.
- Beispiele für
vergleichbare Neuerungen:
| vom Kostenbewußtsein |
zum Controlling |
| vom Verkaufen |
zur Kundenorientierung |
| vom Qualitätsbewußtsein |
zum Total Quality Management |
| vom der Ausrichtung am Markt
|
zum Marketing |
| von der Führungskompetenz |
zur Coaching-Kompetenz |
Gemeinsam ist all diese
Neuerungen, daß es strategisch - konzeptionelle "Verdichtungen"
sind, die der Wandel erforderte.
Es sind neue
Denkkonzepte, neue "Werthaltungen"
Und immer betreten wir
dabei Neuland, weil bisherige Denkmuster zu erweitern
waren, ganzheitlicher anzulegen sind, einen breiteren
Vernetzungshintergrund verlangen. So auch bei unserem
Thema.
Lassen Sie uns also
trennen zwischen dem wirklich Neuen und den "Trittbrettfahrern",
die sattsam Bekanntes schlicht neu etikettieren.
1. Die Notwendigkeit
laufender Veränderungen im Betrieb als Folge des Wandels
"Unser Denken von
gestern ist unser Schicksal von heute - so wie unser
Denken von heute unser Schicksal von morgen sein wird
"
- Marktentwicklung:
Wettbewerb, Sättigungen und
Internationalisierung ergeben Kostendruck und die
Notwendigkeit, neu zu denken
- Technischer und
logistischer Wandel wirken als Zwang zur
geistigen Flexibilität
- Veränderungen der
Organisation und der Informationsabläufe
verwandeln Betriebe von einer "Maschine"
zum "Organismus" mit neuen
sozialkommunikativen Anforderungen
- Veränderungen am
Arbeitsplatz und Professionalisierungstendenzen
der Berufe sind die Folge und fordern neue Werte
"vom ich zum wir"
- Werteverschiebung hin
zu Hedonismus, Verneinung von Bedürfnisaufschub,
Leistungsverweigerung und Vollkasko-Mentalität
wirken dem genau entgegen und produzieren
Motivations- und Führungskrisen
Die Betriebe, von
denen wir alle leben, haben dies alles aufzufangen. Sie
versuchen es mit neuen Konzepten - dies sind "gedanklichen
Konzeptionen".
Jeder einzelne ist
gefordert, gemäß diesen "Denkkonzepten" neu
zu handeln.
Nur: Wie stellt eine Führungskraft
sicher, daß ihre Mitarbeiter tatsächlich auch in diesem
neuen Sinne handeln ?
1. Die Notwendigkeit
laufender Veränderungen im Betrieb als Folge des Wandels
2.
Problemstellung: einzelpersönliche Tendenzen,
Beziehungskonflikte und die Grenze gängiger Trainings
- Managementansätze
enttäuschen allenthalben - so lesen und hören
wir kurz nach der Einführung von TQM, Lean
Management, Re-engineering
- nochmals:Managementansätze
sind in erster Linie neue "Denkmuster"
- Der Grundfehler bei
ihrer Einführung liegt in der Ausklammerung des
einzelnen Menschen. Diesen Fehler finden wir
bereits im Kategoriendenken der klassischen Führungslehre.
- Denn: die Menschen
bewegen sich innerhalb einer (scheinbar)
gegebenen persönlichen "Flexibilitätsbreite".
- Wir stellen fest, daß
Menschen nicht "einfach so" anders
handeln als bisher. Auch die Hilfestellungen
durch Training, Weiterbildung, Personal- und
Organisationsentwicklung haben bei Anpassungen
ihre Grenze erreicht.
- Es muß etwas zur
Wirkung kommen, was in allen Ansätzen (Führungslehre,
verhaltenswissenschaftliche
Betriebswirtschaftslehre, Arbeits- und
Betriebssoziologie, Betriebs- und
Organisationspsychologie) ausgeklammert bleibt -
bzw. vielleicht theoretisch, aber nie praktisch
zum Thema wird:
- Einzelpersönliche
Tendenzen wie persönliche Risikobereitschaften,
Ängste und Verweigerungen, Widerstände und
Entmutigung
- Nur ein Mensch, der
sich emotional sicher fühlt, kann und will seine
Kraft gestaltend im Sinne des Ganzen einsetzen
- Sobald sich dieser
Mensch "bedroht" fühlt, verbunden
mit der Selbsteinschätzung, diese Bedrohung
nicht zu
meistern, kommt Angst auf. Andere Menschen,
welche
diese Bedrohung verkörpern, werden Gegner, die
es
aktiv oder passiv zu bekämpfen gilt.
- Etwas hilflos nennt
die Literatur zum Veränderungsmanagement in
diesem Sinne diverse Phasenmodelle einer Veränderung
mit den entsprechenden Widerstandsformen.
- Es wird z.B.
festgestellt, daß es Befürworter und Gegner
solcher Veränderungen gäbe - beide Gruppen
blockierten dabei einen Wandel im Verlauf der Veränderung
auf unterschiedliche Weise.
- Das Ganze wirkt wie
ein "Naturgesetz" und die Zeit wirds
dann (hoffentlich!) schon richten.
- Weit gefehlt - "einfach
so" ändert sich nichts zum Positiven. Hier
muß gestaltet werden - und zwar am richtigen
Punkt!
- Der einzelne
Vorgesetze muß in der Lage sein, mit all diesen
"menschlichen" Aspekten qualifiziert
umzugehen: er muß in der Lage sein, Veränderungsprozesse
in ihrer sozialen Dimension wahrzunehmen und zu
"beschleunigen".
Hier setzt "Coaching"
an, also Arbeiten am einzelnen und mit dem einzelnen
Menschen
- als
"Hilfe zur Selbsthilfe,
- als
"personenzentriertes entwicklungsorientiertes Führen".
Coaching bedeuted, die
individuell bestehenden "unangemessenen Deutungen
und Bewertungen (attitudes) transparent und überprüfbar
zu machen !
1. Die Notwendigkeit
laufender Veränderungen im Betrieb als Folge des Wandels
2. Problemstellung:einzelpersönliche
Tendenzen, Beziehungskonflikte und Grenzen üblicher
Trainings und Weiterbildung
3. Der
Coaching-Ansatz: Begriff, Verständnis, Ziele und Nutzen
im Betrieb
Coaching betrifft die
Prozesse, die "hinter" den sogenannten
sachlichen Problemen verlaufen, sozialer Natur sind und
den wirklichen Problemkern ausmachen ("Sachfragen"
versus Beziehungsfragen)
Entstehung des Begriffes
Coach: - Kutscher - Sport - Führungskraft
- Doppeltes
Begriffsverständnis in Deutschland, da speziell
hier der Coach auch als externer Berater von (Top-)Führungskräften
verstanden wird -
also "Führungs-Coach" und "Coach
als Beratungsberuf".
- Bayer: Coach ist eine
Person mit der Kompetenz, soziale Prozesse
kompetent zu gestalten und zu beschleunigen. Dazu
gehört die qualifizierte
| a) |
Wahrnehmung
und richtige / angemessene |
| b) |
Deutung sozialer Prozesse,
sowie überdurchschnittlicher Mut, die
sich ergebende |
| c) |
Konsequenz auszusprechen und
zu "leben". |
Damit verbunden ist
die Frage der Werthaltungen des Coaches,
denn es kann natürlich auch
manipulierend gecoached werden (Sozialtechniken,
NLP etc.) - und dies geschieht leider
auch fallweise in der Praxis.
|
- Rückle (1992):
Ein Coach ist Trainer, Berater, Betreuer in einer
Person -
und i.d.S. Auslöser und Begleiter gewollter
Entwicklung.
- Loos (1993):
Ein Coach ist Einzelberater für die
personenzentrierte Arbeit mit Führungskräften
in Bezug auf die Frage, wie die Managerrolle von
der Person bewältigt wird.
- Wahren (1997):
Coaching ist die individuelle Beratung von
einzelnen Personen oder Gruppen in auf die
Arbeitswelt bezogenen sachlich-fachlichen und/oder
psychologisch-soziodynamischen Fragen bzw.
Problemen.
- aus der
psychologischen Richtung Schreyögg (1995):
Coaching ist Beratung gegen berufliches Leid,
idealerweise zielend auf eine maximale
Selbstgestaltung im Beruf
Gemeinsam ist all diesen
Definitionen:
- Coaching reicht über
den direkten Aufgabenbezug hinaus; es muß den
ganzen Menschen samt seinen Ängsten, Zweifeln
und Hoffnungen einbeziehen.
- Es reicht nicht,
bekannte Führungstechniken lediglich auf eine
4-Augen-Situation zu beziehen (finden wir auch in
der Literatur),
d.h. es reicht nicht, alte Konzepte neu zu
etikettieren.
Jedoch: Es reicht auch
nicht, Coaching als "personenzentrierte Arbeit"
auf eine extern moderierte Beratungssituation zu beschränken.
Exakt diese
personenzentrierte und entwicklungsorientierte Arbeit ist
der Beruf einer Führungskraft im Betrieb. Der
Vorgesetzte muß dafür qualifiziert sein, sonst handelt
er nicht nur falsch, sondern er richtet Schaden an:
Jegliche Veränderung bestehender
Strukturen im Betrieb
(Technik, Organisation, Firmenkultur) erzeugen
bei all den
Menschen, die Sicherheit suchen (90 %) aktiven
oder passiven Widerstand.
Der
Wandel jedoch ist Alltag geworden - Fazit: Wir
erleben einen (zunehmenden) Angst- und
Widerstandsdruck im Betrieb als Aufgabe und
Herausforderung für die Führungskräfte.
Ein
Coach kann Menschen trotz deren Widerstände ohne
Angst zu erzeugen und ohne Manipulation zu
eigenständigen Schritten bewegen
In
diesem Sinne ist Coaching-Kompetenz die
Kernkompetenz des Führungsberufs, denn
alle
Veränderungen technischer, organisatorischer und
betriebswirtschaftlicher Art sind Fragen der
Kommunikation und Beziehungsgestaltung
mit
jedem einzelnen Menschen
Gestalten
ist dabei (wie Steuern eines Bootes) eine
Geisteshaltung als "Dauergesinnung",
gepaart mit der Trias von Wahrnehmung, Diagnose
und Mut zur Konsequenz.
Prozeßgestaltung
ist eine nie endende Kette von für den einzelnen
Menschen angemessenen Impulsen oder
Interventionen - diese Kette können wir dann
"Kundenorientierung", "Total
Quality Management, "Kostenmanagement"
o.ä. nennen.
Aufbau von Coaching-Kompetenz
in diesem Sinne wird für die Betriebe zum dringend
erforderlichen Sanierungskonzept, denn wir erleben einen
Rückschritt von der (zweiseitigen) Kommunikation zur (einseitigen)
Information:
Die neue
sogenannte "Kommunikationstechnik" ist der Tod
echter Kommunikation!
Die
Notwendigkeit laufender Veränderung im Betrieb
als Folge des Wandels
Problemstellung:
einzelpersönliche Tendenzen, Beziehungskonflikte
und die Grenzen üblicher Trainings und
Weiterbildung
Der
Coaching-Ansatz: Begriff, Verständnis, Ziele und
Nutzen im Betrieb
Anforderungen
an einen innerbetrieblichen "Führungs-Coach"
Coaching-Kompetenz können
wir zusammenfassen als gehobenen
Professionalisierungsgrad sozial-kommunikativer Kompetenz
Wie in allen anderen
Leistungsaspekten auch, besteht die berufliche
Handlungskompetenz im Sinne der Coachings aus fachlichen,
methodischen, sozialen, sowie persönlichen Aspekten: Es
geht also um Wissen - Können - Wollen -
Risikobereitschaft.
Ziel ist
- der Coach als
ganzheitlich verstehender Konfliktanalytiker
(Symptome vs. Ursachen und Absichten erkennen können)
- der Coach als
positiver Querdenker (gedanklich erweitern können)
- der Coach als
Klimagestalter (emotionale und
Beziehungsintelligenz)
- der Coach als "einfühlender
Ermutiger" (verstehen u. entlasten können)
- der Coach als
akzeptierte Verkörperung von Werten (Charakter
und Mut)
- der Coach als
Integrator (Teamgestaltung "vom ich zum wir")
- der Coach als Förderer
(Leistungsbezug und echte Menschlichkeit)
Dies setzt voraus (gleichzeitig
"Lernziele" einer Qualifizierung zum Coach):
- wissenschaftlich
gesichertes Hintergrundwissen über die Gesetzmäßigkeiten
menschlichen Handelns.
- Einfühlung, Echtheit,
positive (humanistische) Werthaltung und
Gesinnung als gelebte Haltung, und nicht
lediglich als theoretische Ziel (lernen durch
Erleben z.B. in geeigneten Reflexionsprozessen)
Daraus folgt:
| -
|
Ein Führungs-Coach
braucht eine qualifizierte Aus- und
Weiterbildung, bestehend aus ganzheitlich
vernetztem Hintergrundwissen, Reflexion,
Gesprächsübungen und Supervision
|
| -
|
Ein Führungs-Coach
braucht Klarheit über seine berufliche
Motivation, seine persönlichen Ziele
|
| -
|
Ein Führungs-Coach
braucht einen anderen Coach als "Sparringspartner"
|
| -
|
Ein Führungs-Coach
braucht einen kompetenten Gesprächs-,
Diskussions- und Reflexionskreis |
Auch - und gerade - bei
Veränderungsprozessen gilt:
Das eigene Handeln
und Vorbild als Führender legitimiert eine Forderung an
andere und nicht die betriebliche Position.
Die Perspektive:
Eine moderne humane
Unternehmung auf der Basis von
Angstreduzierung,
Gleichwertigkeit,
sozialer Akzeptanz,
klarer Ermutigung,
Zugehörigkeit,
ganzheitlicher visionärer Führung,
wo materieller Erfolg und
echtes Miteinander nicht im Widerspruch stehen.
Der Weg ist
das Ziel.
Coaching Kompetenz
im Betrieb ist das Tor zum Weg.
Exkurs:
Anforderungen an
einen "externen" professionellen Coach
Fachliche Basis im Sinne
einer fundierten Doppelqualifikation technisch oder ökonomisch
plus sozialwissenschaftlich, pädagogisch oder
psychologisch. Ein professioneller Coach ist ein
umfassend gebildeter und ganzheitlich denkender Mensch.
Qualifizierte und
fundierte Selbstreflexion, Supervision, Lehrberatung und
Selbsterfahrung. Ein professioneller Coach kennt seine Stärken
und Schwächen ohne sich sein realistisches Selbstbild
durch Wunschdenken zu verzerren.
Selbstverantwortung und
praktisch gelebte humanistische Werte, Achtung und
Respekt vor der menschlichen Würde, übergreifend
verantwortliches Denken. Ein professioneller Coach ist
ein Menschenfreund mit positiver Gesinnung.
Überdurchschnittlicher
Mut, auch Orientierung zu geben, Konsequenzen zu leben
und im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe hin zur
Sebstverantwortung zu ermutigen. Ein professioneller
Coach macht sich auf Dauer selbst überflüssig.
Permanente Querprüfung
des eigenen Denkens und Handelns durch geeignete
fachliche Supervisions- und Gesprächskreise. Ein
professioneller Coach hat die eigene Psychohygiene so
selbstverständlich zu leben wie "Zähneputzen".
Stehvermögen und eine
beträchtliche Frustrationstoleranz. Ein professioneller
Coach ist mit dem gesamten Angst-, Widerstands- und
Verweigerungsdruck von einzelnen Menschen, Teams oder
Abteilungen und ganzen Betrieben konfrontiert.
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